deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

Von der Schweiz lernen



Gegenwärtig herrscht Aufbruchstimmung in Deutschland. Eine neue Regierung, eine charmante Kanzlerin, florierende Ausfuhr, wieder mehr als 5 Millionen Arbeitslose: es geht aufwärts. Zumindest in den Medien, in den Stimmungsbarometern der Forschungsinstitute, und in den Bulletins der Regierung sowieso. Pourvu que ça dure.

Der Film Titanic zeigte in einer eindruckvollen Szene den Helden über dem Bug des Schiffes stehend, wie er sich weit vorbeugt in den Fahrtwind und die Arme ausbreitet wie um zu fliegen. Ein schönes Bild. Eine Metapher für Deutschland. Seit Jahren streckt das Land die Arme aus, nimmt Anlauf nach Anlauf um zu fliegen, und kommt doch nicht hoch. Was in den jungen Jahren so selbstverständlich war, will nun nicht mehr gelingen.

Kollektive Verzweiflung hat das Land erfasst. Tonnenweise wird vermeintlicher Ballast abgeworfen, werden Schlankheitskuren mit fragwürdigem Erfolg absolviert, und doch bleibt die vaterländische Wirtschaft beharrlich am Boden kleben. Ratlos blickt man in die Runde, und was sieht man?

Ein Nachbarland, das floriert, mit einer Wirtschaft, die eigentlich gar nicht funktionieren dürfte. Doch wie die Hummel, die bekanntlich aerodynamisch gar nicht flugfähig ist, fliegt sie dennoch. Kann man denn die Schweiz mit Deutschland vergleichen?

Man kann. Freundlicherweise gibt das Schweizerische Bundesamt für Statistik eine Serie von Kennzahlen für die Schweiz, Deutschland, andere Länder und die Europäische Union heraus. Diese Tabellen ermöglichen den direkten Vergleich.

Als erstes zeigt sich, dass die Schweizer Wirtschaft theoretisch funktionsunfähig ist. Mit einem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, das Europas höchstes ist und zwanzig Prozent höher liegt als das deutsche, dürfte die Schweiz international gar nicht konkurrenzfähig sein.

Gemäss einer Pressemitteilung der Arbeitsvermittlung Monster CH vom Dezember 2005 lag das durchschnittliche Jahreseinkommen Schweizer Beschäftigter mit 42.000 Euro rund 20 Prozent höher als das deutsche Äquivalent von 35.000 Euro. Die britische Ziffer lag bei 34.000 Euro, Österreich bei 28.000. Italien und Frankreich folgten weit abgeschlagen mit 23.000 und 20.000 Euro.

Nach herkömmlicher Logik müssten Frankreich und Italien also die Fabrikhallen Europas sein, und in Deutschland und der Schweiz dürfte allenfalls Verwaltung und Forschung stattfinden. Was aber zeigt die Wirklichkeit?

Die Neue Zürcher Zeitung berichtete am 2. Februar 2006 von neuen Rekorden im Schweizer Aussenhandel. Im Dezember wuchsen die Exporte real um über 16 Prozent in Vergleich zum Vorjahr. Das Exportwachstum im ganzen Jahr 2005 betrug real 5,9 Prozent. Die Handelsbilanz schloss mit einem Überschuss von 8,3 Milliarden Franken.

Die Deutschen, denen die Medien und Politiker einreden, sie seien "Exportweltmeister", erzielten 2001 je Einwohner 7000 US-Dollar Ausfuhreerlöse, die Schweiz hingegen 11.000 Dollar.

Uberhaupt, kann man Deutschlands Exporte in andere EU-Länder denn noch als Ausfuhren bezeichnen? Oder handelt es sich dabei nicht eigentlich um Binnenhandel? (Würde man Kaliforniens Ausfuhren in andere US-Staaten als Exporte ansehen, dann wäre Kalifornien vielleicht der Export-Weltmeister)

Um den Hummelflug ein wenig näher zu studieren, sollte man einen Blick auf die Schweizer Industrie werfen. Und da zeigt sich laut NZZ, dass alle Branchen mit Ausnahme der Textilindustrie ein Exportplus erzielten. Am besten schnitten Präzisionsinstrumente und Uhren ab, gefolgt von der Chemie

Diese bemerkenswerten Erfolge erzielt die Schweiz mit einer Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent (Deutschland 10 Prozent).

Hohe Löhne und Gehälter sind also kein Hindernis für eine florierende Aussenwirtschaft bei hoher Beschäftigung, wenn andere Bedingungen erfüllt sind. In der Schweiz sind die Umstände offenbar günstig, in Deutschland nicht.

Was ist es, was die Schweizer besser können als ihre deutschen Nachbarn? Ein paar Kennziffern der Statistik fallen auf: Die Schweiz zählt mit 20 Prozent doppelt so viele ansässige Ausländer wie Deutschland (9 Prozent). Obwohl der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in beiden Ländern bei 67,5 Prozent liegt, ist in Deutschland der Anteil der über 65-Jährigen um 2 Prozent grösser, und der Anteil der unter 15-Jahrigen um 2 Prozent kleiner. Während in Deutschland nur 59 Prozent der Frauen berufstätig aind, liegt die Schweizer Quote bei beachtlichen 72 Prozent.

Das gesetzliche Rentenalter liegt in der Schweiz bei 65 Jahren für Männer und 62 Jahren für Frauen. Rund 37 Prozent der Männer und 52 Prozent der Frauen sind vor der Rentenaltersgrenze nicht mehr erwerbstätig. Andererseits arbeiten ein Fünftel der Männer und 14 Prozent der Frauen auch jenseits des gesetzlichen Rentenalters weiter.

Die Deutschen arbeiten knapp 40 Stunden pro Woche, die Schweizer 42 Stunden. Zwanzig Tage Urlaub pro Jahr sind in der Schweiz die Regel, in Deutschland 30 Tage. Nur 23 Prozent der Eidgenossen arbeiten in der Industrie, bei den Deutschen sind es noch 27 Prozent. Nur 22 Prozent der 25-34 jährigen Deutschen besitzen einen Hochschulabschluss, in der Schweiz 26 Prozent. Obwohl die Ausgaben der Schweiz für soziale Sicherheit 4 Prozent über den deutschen liegen, gibt das Land für Forschung und Entwicklung 2,6 Prozent des BIP aus (Deutschland 2,5 Prozent). Die öffentlichen Bildungsausgaben der Helveter sind mit 5,4 Prozent des BIP um ein Fünftel höher als die der deutschen Nachbarn.

Das Arbeitsrecht wird zunehmend flexibel gehandhabt und ist generell unternehmerfreundlich, ohne nennenswerten Kündigungsschutz und ohne betriebliche Mitbestimmung.

Angenehmerweise liegt die öffentliche Verschuldung der Schweiz mit 54,5 Prozent wesentlich niedriger als die deutsche mit (2003) 64,2 Prozent.

Von den Schweizern lernen heisst siegen lernen, könnte man postulieren. Aber muss man nicht Schweizer (oder Ausländer in der Schweiz) sein, um so erfolgreich zu wirtschaften? Sind Deutsche glücklicher, weil sie weniger lange arbeiten, weniger lange und weniger intensiv die Schulbank drücken? Würden drei von vier deutschen Frauen gerne arbeiten? Wären die Deutschen bereit, auf Kündigungsschutz und Mitbestimmung zu verzichten und doppelt so viele Ausländer im Lande willkommen zu heissen? Wäre der Verlust von zehn Urlaubstagen im Jahr verschmerzbar?

Diese Fragen deuten an, dass die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft mentalitätsbedingt ist; dass wohlgemeinte Reformen nur teilweise Erfolg versprechen, solange sich die Mentalität nicht ändert. Natürlich können Reformen selbst die Mentalität beeinflussen, doch das ist ein langwieriger und vor allem schmerzhafter Prozess.

Es wird gerne auf das calvinistisch-zwinglianische Arbeitsethos der Eidgenossen verwiesen. Doch in Deutschland gab es auch einmal eine vergleichbare Mentalität ohne Calvin und mit wenig Zwingli. Warum blieb sie in der Schweiz erhalten und ging in Deutschland zumindest teilweise verloren?

Von solchen beunruhigenden Fragen abgesehen gibt es eine Reihe ganz praktischer Dinge, die Deutschland von der Schweiz lernen könnte. Beispielsweise könnte eine Übersicht der schweizerischen Industrie den Deutschen verraten, wie ihre Industriestruktur in zehn, zwanzig Jahren aussehen wird. Der industrielle Ausleseprozess, der Deutschland noch bevorsteht, ist in der Schweiz schon weit gediehen. Das Beispiel Helvetiens zeigt, welche Produkte, Produktionsmethoden und Unternehmensformen Zukunft haben, und von welchen Deutschland sich verabschieden sollte.

In der Schweiz herrscht aber wirtschaftliche Stagnation, wenden deutsche Beobachter gerne ein. In der Tat sieht das Wachstum der deutschen Wirtschaft derzeit mit 1 Prozent gegen o,6 Prozent der Schweiz etwas besser aus. Dabei wird freilich vergessen, dass der kleine Nachbar dank seines hohen Brutto-Inlandsprodukts pro Kopf auch mit kleinen Zuwachsraten relativ hohe reale Zuwächse erzielt.

Trotz des enormen Einkommensunterschieds könnte auch die Schweiz auf manchen Sektoren vom grossen Nachbarn lernen, vor allem im Handel. Monopolistische und oligopolistische Vertriebsformen sind massgeblich an den hohen Lebenshaltungskosten der Schweiz schuld. Kaum auszudenken, wie das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt der Schweiz in die Höhe schnellen würde, falls sich dort amerikanische oder deutsche Konkurrenzbedingungen im Einzelhandel durchsetzten.

Oder anders herum betrachtet: herrschten in Deutschland noch Vertriebsformen nach Schweizer Art, dann würde das deutsche kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf auf italienische Niveaus absacken. Es ist der effiziente Handel, der Deutschland ein wenig rettet. Noch.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Benedikt Brenner